Montag, 12. Mai 2014

Rwanda

Anfang April hatten wir eine Woche Ferien (sowas wie Osterferien 2 Wochen vor Ostern) und Tamara, Corinna und ich wollten die Woche nutzen und ein Nachbarland Tansanias erkunden: Rwanda.

Rwanda ist in etwas so groß wie Rheinlandpfalz und nur etwa 10 Stunden von Mwanza entfernt. Das mag aus Deutschland viel klingen, ist aber für mich inzwischen gar nichts mehr. Dennoch war diese Busfahrt doch auch wieder ein Highlight: Ich dachte, ich hätte schon so einiges miterlebt hier an Fahrten, aber als wir morgens um 5 Uhr losfahren wollten, jedoch erst um 6 Uhr loskamen, da noch jeder mit Luft gefüllte Raum im Bus mit Gepäck bepackt werden musste, waren wir alle fassungslos. Wir saßen in der vorletzten Reihe und haben es in den zwei Toilettenpausen tatsaächlich geschafft die 30 Sitzreihen bis nach vorne zur Tür zu klettern ohne ein einziges Mal den Boden zu berühren. Rekord!
Rückbaaaaank.
Man sieht es leider nichtso richtig, aber der Bus war VOLL.
Leider fuhr unser Bus nicht ganz bis zur Grenze und so mussten wir uns zu 7. (Leonie und ihr Freund Lennard sind zufällig genau zur selben Zeit in Rwanda unterwegs gewesen) mit noch zwei anderen Rwandareisenden in ein 5Sitzer-Taxi quetschen. An der Grenze ging's mit dem Ausreisestempel zum Glück ziemlich schnell, vorallem da ich einfach nur GEGLÄNZT habe mit meinen Kiswahilikenntnissen:
Grenzbeamter: Unaongea kiswahili vizuri sana!
Ich: Oh, yes, thank you very much, you are too kind.
hinten (vlnr): Tamara, Leonie, Corinna, ein unbekannter Amerikaner, ich
vorne (vlnr): Lennard, ein unbekannter Tansanier, der Fahrer
Rusumowasserfall des Kageraflusses markiert den Grenzübergang.
Die Touris an der Grenzbrücke.
So reisen wir als Backpacker.
Spätabends sind wir dann in der Hauptstadt Kigali angekommen, wo Tamara, Corinna und ich direkt beim Busbahnhof in einem Hotel übernachtet haben. Normalerweise scheinen die Räumlichkeiten von Gästen aber gar nicht so für's Schlafen an sich genutzt zu werden sondern eher für andere Arten des Vergnügens und so waren die Reinigungskräfte am nächsten Morgen doch mehr als erstaunt, dass wir das Zimmer verließen und nicht schon des nachts wieder weitergezogen waren. Dafür war das Frühstück umso besser, es gab einen großen Früchteteller, Pfannkuchen und Omelette. Es ging dann auch sofort weiter nach Gisenyi, einen kleinen Ort direkt am Lake Kivu und direkt an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Obwohl Rwanda selbst nicht als Krisengebiet gilt, ist der Kongo alles andere als friedlich eingestuft im Moment und die Freiwilligen, die wir in Gisenyi besucht haben, wurden sogar am Anfang ihrers Freiwilligenjahres kurzzeitig evakuiert, da zwei Handgranaten in ihrer Stadt gelandet sind. Wie auch immer, der See ist wunderschön und die 2 Tage, die wir dort verbracht haben, waren mehr als lohnenswert.
Fischerboote im Lake Kivu.
Gebirgsstraße in Gisenyi.

Direkt am See entlang.
Seht ihr das im Hintergrund? Ja, das ist ein aktiver Vulkan in der DR Kongo.
Reis- und Teeanbau. Exportprodukte Rwandas.
Nach wirklich erholsamen Tagen, gutem Essen abends und vorallem halbwegs wieder aufgefrischten Französischkenntnissen sind wir dann von unserem westlichsten Reisepunkt gen Osten, dann wir hatten ja leider nur eine Woche Zeit. Unterwegs musste ich aber noch unbedingt die Empfehlung aller Menschen, die ich in Rwanda getroffen habe wahrnehmen und einen Vulkan bestigen. Praktischerweise wollten auch Lennard und Leonie das tun und so sind wir gemeinsam losgestiefelt, den Visoke zu besteigen.
Ziemlich genau 7 Stunden dauerte der Auf- und Abstieg zum Kratersee, 10km sind wir insgesamt an Strecke gelaufen und haben etwa 1500 Höhenmeter bewältigt. Und das eigentlich zweimal, denn die Wege waren im Regenwald so matschig, dass jeder Schritt doppelt und dreimal so schwer war. Der Matsch hatte uns einfach zu lieb gewonnen und wollte uns einfach nicht ziehen lassen. Begleitet wurden wir nicht nur von einem Ranger, der uns den Weg gewiesen hat sowie einem netten Helfer, der uns Wanderstöcke und vorallem seine helfenden Hände zur Verfügung gestellt hat, sondern auch vier bewaffneten Soldaten. Diese hielten sich zum Glück mit ziemlich unauffälligem Abstand zu uns auf und wurden uns als Beschützer vorgestellt, falls ein Gnu oder Gorilla auftauchen sollte. Dhabe ich den Verdacht aufgrund der Nähe (1km) zur Krisenregion DR Kongo sollten sie mögliche Milizen abhalten. Es verlief aber alles ruhig (nicht so überraschend, Rwanda gilt als eines der sichersten Länder Afrikas, mehr dazu weiter unten) und wir konnten während tausender Verschnaufspausen, die wir untrainierten Kartoffeln nötig hatten, den Ausblick auf die anderen Vulkane des Virunganationalparks genießen. Obwohl - mal so einen Gorilla zu sehen hätte schon was gehabt...
Vorher: Mit unserem Führer George.
Ist das dieser "Dschungel" von dem alle immer reden?
Kostprobe des Gnumists - es ist vor etwa 20 Stunde vorbeigelaufen.
Geteerte Wege? Pah ! 
Wunderschöne Pflanzenwelt.
Auf, auf, in die gezähmte Wildnis.
Kein Hindernis sondern ein super Ort für ein Foto.
Soviel haben wir dann doch schon geschafft.
Nachbarvulkan. Ebenfalls besteigbar, jedoch in einer 2-Tages-Tour mit Übernachtung.
Blick ins Tal. Findet den getarnten Soldaten!
DIE SPITZE...
... ist gar keine Spitze sondern ein Vulkansee.
Wohlverdientes Nickerchen.
WE DID IT !
Kunst.
"und noch 'n paar Kilometer mehr nach Osten, da ist dann Tanzania"
Die Sonne hat unsere müden Muskeln einfach angelacht.
SO VIEL NATUR. AAAAH. 
SO VIEL NATUR. AAAAH. Teil 2.
Im Regenwald hat's aber auch geregnet.
Danke, Regencape, dass es dich gibt.
Im Tal wieder angekommen.
Nachherbild. Man sieht uns den Muskelkater aber gar nicht so an...
Zuletzt ging es dann nochmal richtig nach Kigali, wo wir zuerst unseren "Wir-sind-im-globalen-Norden-aufgewachsen-gib-mir-Käse-Milchprodukte-Kino-und-Supermärkte"Rausch ausgelebt haben. Kigali ist im Vergleich zu allen Städten Tansanias, die ich gesehen habe, sehr viel mehr ausgestattet mit westlichem Zeug, angefangen bei der Regelung, dass jede_r Motorradtaxifahrer_in einen Helm für sich plus Fahrgast besitzen MUSS sowie der Architektur. Die Essensgehmöglichkeiten sind schier unendlich und allesamt lassen sie einem das Wasser zusammenlaufen. Dennoch witzig, dass ich mein erstes Mal äthiopisch essen in Rwanda hatte. So verrückt ist die Welt.
Kigali, Hauptstadt des Landes der 1000 Hügel.
Motorradtaxi!
Des nachts macht es fast noch mehr Spaß.
Essen im Papyrus, mit Blick auf Kigali bei Nacht.
Kigali bei Nacht. Nochmal, weil's so schön ist.
Neben einer super Zeit mit anderen Freiwilligen, die wir kennen gelernt haben, die wir unter anderen in der Sauna verbracht haben, haben wir uns auch mit Rwandas Geschichte auseinan dergesetzt.

Vielleicht hat es bei euch schon ein bisschen geklingelt, falls jedoch nicht, da ihr z.B. so wie ich eigentlich gerade erst oder noch gar nicht auf der Welt ward:
In Rwanda gab es von April bis Mitte Juli 1994 umfangreiche Gewalttaten, auch bekannt als rwandischer Genozid (Völkermord), bei dem nach einigen Schätzungen bis zu 1 Millionen Menschen getötet wurden.
Hintergrund waren der schon seit Jahren davor bestehende Konflikt zwischen den beiden Gruppen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-Minderheit, der am 6. April 1994 eskaliert und in deren Verlauf etwa 75% der Tutsiminderheit sowie etliche moderat eingestellte Hutu ermordert wurden.
Ich fühle mich eigentlich aufgrund meines 1-wöchigen Aufenthalts nicht in der Lage, eine angemessene Darstellung abzugeben, aber ich kann es einfach nicht lassen trotzdem was dazu zu sagen.
Wir haben neben Gesprächen mit Menschen vor Ort auch das Genocide Memorial in Kigali besucht und das auch noch genau 20 Jahre nach dem Genozid. Es war bewegend mitzuerleben, wieviel dafür getan wurde, das doch vergleichsweise vor Kurzem geschehene wieder aufzuarbeiten unter dem Motto Kwibuka'20 - remember, unite, renew.
In dem Musem wird sehr eindrucksvoll die Vorgeschichte sowie der Verlauf der Ereignisse beschrieben und dargestellt und vorallem, dass es berechtigte Kritik an die internationale Gemeinschaft gibt, die u.a. während des kompletten Verlaufs sich nicht nur ihrer Untätigkeit erfreute, sondern wie die UN auch noch kurz vor Beginn der Ereignisse ihre Blauhelmtruppen der UNAMIR verkleinerte. Es gibt sogar einige Vorwürfe speziell gegen Frankreich, ehemalige Kolonialmacht in Rwanda.
Das Museum ist sehr modern in einen Außenbereich mit Maßengräbern und Gedenkplätzen aufgebaut, sowie einem dreiteiligen Innenbereich. Im ersten geht es vorallem um Informationen zum Genozid sowie Stücke aus dieser Zeit. Im zweiten Teil werden im Rahmen des AegisTrust zur Aufklärung und Prävention andere Genozidbeispiele aufgeführt, so auch die Schoah und zuletzt, da ich noch nicht emotional aufgewühlt genug war, der Raum der Kinder. Hier werden Einzelschicksale von ganz jungen Genozidopfern aufgelistet um ihm noch mehr ein Gesicht zu verleihen. Ich kann gar nicht mehr dazu schreiben, als dass ich wirklich schon lange nicht mehr so schockiert war und so viel weinen musste.
Das muss man sich so eigentlich auch erstmal klarmachen. Fast alle Menschen, denen wir begegnet sind und die älter als 19Jahre sind, waren Teil des Genozids und viele, die jünger sind, sind immer noch auf vielfältige Art betroffen.

Aufgrund dieses Hintergrundes sind ziemlich viele als Entwicklungsgelder bezeichnete finanzielle Mittel an Rwanda geschickt worden (u.a. von der UN) und das Land ist militärisch auf einen neuen Anschlag von ehemaligen Milizen mehr als vorbereitet. Gerade darum hat es auch den Ruf, so sicher zu sein.

Ich weiß gar nicht, wie man so einen Beitrag abschließt, darum kriegt ihr nach der ganzen Informationsflut und der bedrückenden Realität noch ein paar Bilder aus dem Bus.
Schneewittchen Corinna schläft auf dem Busboden.
Ein Blick zurück aufs Land der 1000 Hügel.